3 polnische Sprache.


polnische Sprache.

pọlnische Sprache.
 
Die polnische Sprache gehört mit dem Tschechischen, dem Slowakischen und dem Ober- und Niedersorbischen zu den westslawischen Sprachen (slawische Sprachen). Innerhalb dieser bildet sie mit der im 18. Jahrhundert erloschenen polabischen Sprache und der kaschubischen Sprache die lechische Gruppe. - Die polnische Sprache wird heute von etwa 37 Mio. Menschen in Polen und etwa 10 Mio. im Ausland (Litauen, Weißrussland, Ukraine, USA, Kanada, Frankreich, Deutschland u. a.) gesprochen.
 
Das polnische Lautsystem ist gekennzeichnet durch die aus urslawischer Zeit erhaltenen Nasalvokale ą [ɔ̃] und ę [ɛ̃], die jedoch nur vor Frikativen als solche ausgesprochen werden, z. B. mąż [mɔ̃ʃ] »Mann«, męża [mɛ̃ʒa] »des Mannes«, aber ząb [zɔmp] »Zahn«, zęba [zɛmba] »des Zahnes«. Der Status der Nasale als Phoneme ist daher umstritten, ebenso wie der von y [i, zwischen i und u, ohne Lippenrundung ausgesprochen], das als Allophon von i gesehen wird. Somit verfügt die polnische Sprache über fünf Vokalphoneme (a, e, i, o, u), die alle kurz und offen gesprochen werden. Ihnen stehen 35 Konsonantenphoneme gegenüber. Durch diese relativ große Zahl von Konsonanten, darunter viele Zischlaute, und durch Konsonantenhäufungen erhält die polnische Sprache einen deutlich »konsonantischen« Charakter. Auch die Konsonanten sind kurz und werden nur äußerst selten (Doppelschreibung) gelängt. Der Wortakzent ruht, mit wenigen Ausnahmen (meist Lehnwörter), stets auf der vorletzten Silbe. Unbetonte Vokale werden nicht reduziert. Da urslawisch ě und e in der polnischen Sprache vor harten Dentalen (t, d, n, l, s, z, r) als a (ia) beziehungsweise o (io) erscheinen, vor weichen und sonstigen Konsonanten als e (ie), sind Alternationen von e-a beziehungsweise e-o in der Flexion und im Derivationssystem häufig, z. B. las »Wald«, w lesie »im Wald«; niosę »ich trage«, niesiesz »du trägst«; biały »weiß«, bielić »weißen«. Ähnlich wie im Russischen aber wurden in der polnischen Sprache die Konsonanten vor vorderen Vokalen palatalisiert, anders als im Russischen aber wurden t', d', s', z' im 13. Jahrhundert noch weiter zu ć, dź, ś, ź erweicht; r' hat [ʒ], grafisch rz, ergeben; die historischen Palatale (c, dz, sz, cz, ż) hingegen sind verhärtet. Hartes l (grafisch: ł) wird heute als [u̯] gesprochen.
 
Zur Schreibung bedient sich die polnische Sprache des lateinischen Alphabets. Die Wiedergabe einiger spezifischer Laute wird durch ein System von diakritischen Zeichen sowie Buchstabenkombinationen gewährleistet, die zum Teil aus der von J. Hus reformierten tschechischen Orthographie stammen, z. B. für Vokale: ą [ɔ̃], ę [ɛ̃], ó [u], y [i]; für Konsonanten: c [ts], cz [tʃ], ć [tɕ], dź [dʑ], dż [dʒ], h [x], ł[u̯], ń [ɲ], rz [ʒ], sz [ʃ], ś [ɕ], z [z], ź [ʑ], ż [ʒ]. In der Kombination mit folgendem i werden statt ć, dź, ń, ź immer ci, dzi, ni, si, zi geschrieben; ck wird immer [tsk] gesprochen.
 
Die polnische Sprache verfügt über ein reiches Formensystem. So hat das Substantiv sieben Kasus und zwei Numeri (Singular und Plural), im Singular drei Genera (Maskulinum, Femininum, Neutrum). Das Maskulinum unterscheidet im Singular außerdem das Subgenus Belebtheit und im Plural ein auf männlichen Personen beschränktes Genus virile, dem alles sonstige Belebte und Unbelebte gegenübergestellt wird. Das Verb zeichnet sich durch ein differenziertes Aspektsystem aus, dem ein relativ geringer Formenbestand des Tempussystems gegenübersteht.
 
Die polnischen Dialekte werden in masurierende und nicht masurierende eingeteilt. Erstere haben den Gegensatz s : sz, z : ż, c : cz, dz : dż in der Regel zugunsten von s, z, c, dz aufgehoben, während Letztere ihn aufrechterhalten. Zu den masurierenden Dialekten gehören das Kleinpolnische (Südostpolen mit Krakau) und das Masowische (Nordostpolen mit Warschau), zu den nicht masurierenden das Großpolnische (mit dem Zentrum Posen), das Schlesische (Südwestpolen mit Kattowitz) und das Kaschubische (im Norden, westlich von Danzig), sofern man dieses nicht als eigene Sprache betrachtet.
 
Polnische Orts- und Personennamen sind bereits in lateinischen Chroniken des 10. und 11. Jahrhunderts belegt, jedoch in der Gnesener Bulle des Papstes Innozenz II. von 1136 erstmals in größerer Zahl überliefert. Die ersten literarischen polnischen Sprachdenkmäler (liturgische und kirchliche Handschriften) stammen aus dem 14. Jahrhundert Im 16. Jahrhundert brachten Buchdruck, Renaissance und Humanismus, Reformation und Gegenreformation sowie bedeutende Schriftsteller wie J. Kochanowski, P. Skarga und M. Bielski die polnische Literatursprache zu voller Entfaltung. Die Einführung der polnischen Sprache als Schulsprache in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts trug wesentlich zur Verankerung der Literatursprache im Volk bei.
 
 
Bibliographien:
 
K. Handke u. E. Rzetelska-Feleszko: Przewodnik po językoznawstwie polskim (Breslau 1977);
 
Encyklopedia wiedzy o języku polskim, hg. v. S. Urbańczyk (ebd. 1978).
 
Wörterbücher:
 
J. Karłowicz u. a.: Słownik języka polskiego, 8 Bde. (Warschau 1900-27, Nachdr. ebd. 1952-53);
 
M. S. B. Linde: Słownik języka polskiego, 6 Bde. u. Index-Bd. (ebd. 1-31951-65);
 
Słownik staropolski, hg. v. S. Urbańczyk u. a., auf zahlr. Bde. ber. (ebd. 1953 ff.);
 
Słownik języka polskiego, hg. v. W. Doroszewski, 11 Bde. (ebd. 1958-69);
 
Słownik polszczyzny XVI wieku, bearb. v. M. R. Mayenowa u. a., auf zahlr. Bde. ber. (Breslau 1966 ff.);
 
Nowa księga przysłów i wyrażeń przysłowiowych polskich, hg. v. J. Krzyżanowski, 4 Bde. (Warschau 1969-78);
 
Słownik języka polskiego, hg. v. M. Szymczak, 3 Bde. (ebd.1978-81);
 
S. Skorupka: Słownik frazeologiczny języka polskiego, 2 Bde. (ebd. 51987);
 
A. Brückner: Słownik etymologiczy języka polskiego (Neuausg. ebd. 1993);
 
F. Sławski: Słownik etymologiczy języka polskiego, 7 Tle. (Neausg. ebd. 1994-95);
 
J. Piprek u. J. Ippoldt: Wielki słownik niemiecko-polski, 2 Bde. (Neuausg. ebd. 131995);
 
J. Ippoldt: Wielki słownik polsko-niemiecki, 2 Bde. (ebd. 121995-96).
 
Grammatiken:
 
S. Szober: Gramatyka języka polskiego (Warschau 121971);
 
J. Kotyczka: Kurze poln. Sprachlehre (Berlin-Ost 1976);
 
R. Laskowski: Poln. Gramm. (a. d. Poln., Warschau 21979);
 
Gramatyka wsółczesnego języka polskiego, hg. v. S. Urbańczyk, 2 Bde. (Warschau 1984);
 
Dietrich Müller u. a.: Lb. der p. S. (Leipzig 1989).
 
Sprachgeschichte, historische Grammatiken:
 
S. Rospond: Gramatyka historyczna języka polskiego (Warschau 31979);
 
W. Kuraszkiewicz: Histor. Gramm. der p. S. (a. d. Poln., 1981);
 
Z. Klemensiewicz: Historia języka polskiego, 3 Bde. (Warschau 61985);
 
J. Mazur: Gesch. der p. S. (1993).
 
 
Mały atlas gwar polskich, hg. v. K. Nitsch, 25 Tle. (Breslau 1957-70);
 
K. Nitsch: Dialekty języka polskiego (Krakau 1957);
 
S. Urbańczyk: Zarys dialektologii polskiej (Warschau 41972);
 
K. Dejna: Dialekty polskie (Breslau 1973).

Universal-Lexikon. 2012.

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